Krankheit und Ashtanga Yoga

Krankheit und Ashtanga Yoga

Immer wieder melden sich Yogaschüler und erklären, dass sie die nächsten Tage oder Wochen nicht in die Shala kommen können, weil sie krank bzw. verletzt sind. Meistens ist unsere Antwort darauf: „Komm auf jeden Fall trotzdem!“

Aber wie meinen wir das? Sind wir herzlose Yogalehrer, die kein Mitgefühl für ihre kranken Schüler haben und nur drauf aus sind, dass die Shala voll ist? Nein – ganz im Gegenteil!

In diesem Artikel möchte ich ein paar Gedanken zum Thema „Ashtanga Yoga bei Krankheit“ mit Dir teilen und dazu motivieren Dich nicht davon abhalten zu lassen trotzdem auf die Matte zu steigen!

Yoga findet 24 Stunden pro Tag statt

„Yoga is 24 hours a day“ ist ein beliebtes Zitat unseres Lehrers Sharath Jois. Ja ist der denn verrückt? Wer hat denn soviel Zeit und überhaupt, wer turnt denn 24 Stunden auf der Matte rum??

Genau darum geht es ihm! Yoga ist nicht nur „turnen“, es geht dabei nicht nur um die körperliche Betätigung auf der Matte. Das sollten wir nur maximal 2 Stunden pro Tag betreiben.

Nein, im Yoga geht es auch um Yama und Niyama – häää … bitte was?? Genauer werde ich bestimmt ein anderes Mal in einem Blogartikel auf diese beiden Unbekannten eingehen, heute nur soviel: es sind die Grundsätze des guten Umgangs mit Dir selbst und mit Deiner Umwelt. Und genau diese sollten wir nicht nur 2 Stunden pro Tag praktizieren. Nein, wir sollten versuchen uns den ganzen Tag – also 24 Stunden – daran zu erinnern und sie umzusetzen.

Was also gemeint ist, ist die yogische Lebensphilosophie, die wir 24 Stunden pro Tag in uns und in unsere Umwelt tragen sollten. Also auch wenn wir krank sind!

Was bedeutet „krank sein“?

Erstmal sollten wir dabei wohl definieren was es bedeutet „krank“ zu sein! Hmmm – schwierig … „krank sein“ ist ja eine sehr subjektive Empfindung und schließt letztendlich alles ein was jenseits von gesund ist. Wann bin ich gesund? Sollte ich nur gesund auf die Matte steigen? Genau eben nicht!

Wahrscheinlich kommen doch eigentlich ganz viele in ihre erste Yogastunde, weil sie sich irgendwie nicht so gesund fühlen, vielleicht sogar ein bisschen „krank“: Rückenschmerzen, Steifheit, innere Unruhe, Schlafstörungen, Stress … oft führen uns solche Gründe zum ersten Mal in eine Yogastunde. Mit der Motivation, dass sich diese Unpässlichkeiten, die wir eigentlich auch schon als Krankheiten oder zumindest die Vorboten davon bezeichnen können, bessern sollen.

Diese Besserung tritt meist auch nach einiger Zeit ein, wir werden zusehends gesünder. Wenn wir dann eine Weile dabei sind, meldet sich irgendwann der „Schweinehund“, z. B. in Form von „Krankheit“. Ach, irgendwie ist mir heute ein wenig übel, vielleicht bleibe ich besser zuhause. Oder hast Du einen Anflug von Erkältung, ist da nicht ein leichtes Kratzen im Hals? Dann bleib ich doch lieber daheim!

Vielleicht wäre durch die ruhige und tiefe Atmung und die Bewegung die Übelkeit aber besser geworden oder die Erkältung hätte sich doch nochmal verzogen? Das weißt Du erst, wenn Du es ausprobierst!

Mein Arzt hat es mir verboten

Manchmal wird jedoch sogar von Seiten der Ärzte etwas Angst bzw. Unsicherheit verbreitet, wenn sie bei bestimmten Beschwerden ein „Sportverbot“ aussprechen. Das muss jedoch meist nicht bedeuten, dass Du nicht Yoga praktizieren kannst. Es ist schließlich ein Unterschied, ob Du in einer Volleyball-Mannschaft alles geben musst oder ob Du Dich unter Aufsicht eines erfahrenen Yogalehrers langsam durchbewegst. In der Regel ist dagegen nichts einzuwenden. Erkläre Deinem Arzt doch mal was wir in der Yogastunde machen, dass Du individuell von einem Lehrer dabei betreut wirst und welche Möglichkeiten es gibt, die Praxis individuell anzupassen. Ich bin mir sehr sicher, er hat dagegen absolut nichts einzuwenden!

Hindernisse

Das einzige Hindernis dabei ist Dein eigenes Ego! Das Dir immer wieder zuflüstert, dass Du vielleicht doch trotz leichter Knieschmerzen versuchen solltest ob Du nicht irgendwie in Padmasana kommst … schließlich macht die Schülerin neben Dir das ja auch ganz easy. Oder Du möchtest nicht als „schwach“ gelten, wenn Du heute nur die halbe Primary übst, wo Du doch sonst immer die zweiten Serie übst!? Oder hast Du vielleicht Sorge, das bisher Erlernte wieder zu verlernen und den mühsam erlernten Kopfstand nach der Krankheit nicht mehr zu können?

Das ist in Wahrheit die einzige tatsächliche Gefahr, die besteht wenn Du „krank“ in die Shala kommst. Dass Du Dich nicht zurücknehmen kannst, weil Du Dich nicht einschränken möchtest, dass Du denkst, Yoga praktizieren macht nur Sinn wenn Du immer alles gibst.

Irgendwie wurden wir ja auch so erzogen. Volle Leistung bringen, keine Schwäche zeigen, man ist nur gut, wenn man alles gegeben hat.

So nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ bleiben dann eben einige lieber zuhause als dieses „in-sich-hineinspüren“ zu üben und auf ihren eigenen Körper zu hören.

Schade, denn genau darum geht es beim Yoga! Genau da hört das Training auf und fängt die Yogapraxis an! Wir sollen durch die Yogapraxis mit diesen Hindernissen umgehen lernen. Zufriedenheit, Selbstliebe, Geduld … all diese Eigenschaften will uns Yoga vermitteln. Eine aufgetretene Krankheit also sogar eine Chance, sich darin zu üben!

Dadurch, dass Du Dich auch in einem nicht perfekten Zustand auf die Matte stellst und Bewusstsein auf Dich, Deinen Körper und die „Schwachstelle“ lenkst, gibst Du der Krankheit die Möglichkeit zu heilen. Die Blutzirkulation wird durch’s Üben angeregt, das trägt einen erheblichen Teil zur schnelleren Heilung bei.

Gehe täglich auf Deine Matte

Traditionell wird Yoga täglich praktiziert. In der Ashtanga-Tradition üben wir 6x/Woche, am 7. Tag der Woche legen wir einen Ruhetag ein. Außerdem ruhen wir an den „Moon-Days“, den Voll- und Neumondtagen. An allen anderen Tagen wird täglich auf die Matte gestiegen!

Die Idee einmal pro Woche in eine Yogastunde zu gehen, dann den Rest der Woche wieder alles zu vergessen und sich an seine schlechten Gewohnheiten zu erinnern, ist eine sehr moderne und westliche Idee. Natürlich ist es ein guter Anfang und allemal viel viel besser als gar nicht zu üben, doch wenn wir wirklich die positiven Effekte erfahren wollen, werden wir uns mit dieser Methode sehr schwertun.

Yoga zu praktizieren ist eine täglich Disziplin, etwas was man nicht nur dann ausübt, wenn man Lust drauf hat und sich tiptop wohlfühlt. Nein, es sollte eine feste Konstante in Deinem Leben werden. Ob Du wenig geschlafen hast, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, eine leichte Erkältung oder auch ein verstauchtes Gelenk – geh auf Deine Matte!! Beginne zu atmen, beginne langsam mit den ersten Sonnengrüßen. Spüre in Dich hinein, welche Bewegung Deine Beschwerden verbessert oder verschlechtert. Im zweiten Fall modifiziere diese Bewegung.

Idealerweise bist Du dazu in einer Shala bei einem erfahrenen Lehrer, der Dir dann individuell helfen kann, Deine Praxis anzupassen. Deswegen ist es sehr wichtig immer regelmäßig zu kommen und nicht nur dann wenn Du Dich rundum wohl fühlst. Mit der Zeit wirst Du merken wie sehr Du von diesen „schlechten“ Phasen profitierst, wie viel mehr Du in dieser Zeit über Dich und Deinen Körper lernst. Nach und nach entwickelst Du dann selbst ein Gefühl dafür wie Du in solchen Zeiten die Praxis sinnvoll abwandeln kannst.

Nur wenn Du täglich auf Deine Matte gehst, wirst Du erfahren wie unterschiedlich sich Dein Körper und Dein Geist von Tag zu Tag anfühlen. Das ist ganz normal, niemandem geht es jeden Tag genau gleich. Je nachdem was in unserem Leben gerade passiert, wie der vorherige Tag und die vorherige Nacht war, je nachdem was wir gegessen und getrunken haben, je nachdem wie das Wetter bzw. die Jahreszeit gerade ist, fühlen wir uns doch immer ein wenig anders. Keiner ist immer topfit, niemals krank und hat immer einen guten Tag. Es ist völlig normal, dass wir uns mal schlapp fühlen, mal krank sind oder ein Körperteil Schmerzen bereitet. Wenn Du achtsam mit Dir umgehst, wirst Du auch an solchen Tagen von der Praxis profitieren!

Die traditionelle Art Yoga täglich zu üben wirkt dabei wie ein Spiegel, in den wir jeden Tag blicken. Er zeigt uns deutlich unsere momentane Befindlichkeit, sowohl körperlich als auch seelisch. Nur wenn wir dies täglich tun, haben wir eine Referenz, also einen Vergleich, und können unser Befinden leichter einordnen.

Die Dusche von innen

Die erste Serie des Ashtanga Yoga heißt „Yoga Chikitsa“, was übersetzt „Yogatherapie“ bedeutet. Der Körper wird dabei von Schadstoffen gereinigt, die wir über den Schweiß loswerden. Genauso selbstverständlich wie Du also täglich Deine Zähne putzt und unter die Dusche gehst, solltest du Dich auf Deine Yogamatte stellen. Dies wirkt wie eine „Dusche von innen“, pflegt Deine Gelenke, reinigt Deine Organe und hält Dich somit gesund.

Logischerweise ist dies also auch ganz besonders wichtig in Phasen in denen wir uns nicht 100%ig fit fühlen. Warum also zu Hause auf dem Sofa bleiben wenn wir uns schlecht fühlen? Los, geh auf Deine Matte und guck was geht. Wenn Du gut auf Deinen Körper hörst, machst Du sicherlich nichts falsch dabei, sondern kannst ihm nur Gutes tun.

Gibt es denn gar keine Situationen wo wir pausieren sollten?

Doch, die gibt es sehr wohl! Als grobe Faustregel gilt für mich: immer wenn Dir Dein Arzt Bettruhe verordnet, solltest Du auch kein Yoga praktizieren! (Und jetzt würde mich mal interessieren wievielen von Euch überhaupt schon mal Bettruhe verordnet wurde ;-))

Außerdem solltest Du Dir völlige Ruhe gönnen, wenn Du Fieber hast. Fieber belastet Deinen Kreislauf sehr und lässt Deine Herzfrequenz ansteigen. In diesem Fall solltest Du den Körper dann nicht durch eine schweißtreibende Praxis noch zusätzlich belasten. Aber eigentlich gilt dann ja auch die Bettruhe.

Für Frauen gilt, während den stärksten Tagen der Menstruation zu pausieren. Im Ashtanga-Yoga wird viel mit der Beckenboden-Muskulatur gearbeitet. Deshalb ist es besser, sich in dieser Zeit Ruhe zu gönnen und die Muskeln nicht übermäßig zu beanspruchen.

Wenn Du ansteckend bist, bleib bitte selbstverständlich auch zuhause und praktiziere dort für Dich selbst.

Aber was ist wenn ich mir den Arm gebrochen habe? Auch dann kannst Du praktizieren! Die Praxis wird dann so abgewandelt, dass Du den Arm dazu nicht benötigst.

Und wenn das Bein oder gar noch mehr gebrochen ist?? Natürlich ist es auch dann möglich! Du denkst ich übertreibe?? Dann schau Dir dazu dieses beeindruckende Video von einem Bekannten von uns an: „Getting back up“

Na, überzeugt Dich das?

Wenn nicht, dann merke Dir ganz einfach folgendes Zitat von Sri K. Pattabhi Jois:

„Anyone can practice. Young man can practice. Old man can practice. Very old man can practice. Man who is sick, he can practice. Man who doesn’t have strength can practice. Except lazy people; lazy people can’t practice Ashtanga yoga.“

Noch Fragen?? Also los – don’t be lazy – come to practice!!!

 

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