Ashtanga Yoga – warum bist du nur so strikt?

Ashtanga Yoga – warum bist du nur so strikt?

Oder: „Warum darf ich nicht mal das Asana machen, das sie da drüben macht?“

Erst vor ein paar Tagen hörte ich diese Frage wieder durch unsere Shala schallen – und musste schmunzeln. Ja, die Ashtanga-Yoga-Methode bringt uns alle immer mal wieder ein kleines Bisschen zum Verzweifeln.

Für alle, die nicht damit vertraut sind: im Ashtanga Yoga üben wir täglich die selbe Abfolge von Asanas. Erst wenn wir das vorherige Asana gemeistert haben, wird uns von unserem Lehrer das nächste Asana „gegeben“, d. h. erst dann dürfen wir es üben. So kommt es immer wieder vor, dass wir an einem für uns schwierigen Asana einige Wochen, Monate oder nicht selten sogar Jahre (!!) festhängen und nicht weiterüben „dürfen“.

Dabei ist es oft so, dass uns das Asana danach besonders easy vorkommt und wir denken uns: „DAS könnte ich doch auch!“ Warum darf ich es dann nicht machen??

Zum einen gibt es dafür erstmal eine anatomische Erklärung: in der Regel bereitet das vorhergehende Asana unseren Körper auf das Nachfolgende vor. Wenn es darum geht, dass wir zuerst Marichyasana C beherrschen sollten, bevor wir mit Marichyasana D beginnen, leuchtet das sicherlich auch jedem sofort ein. Warum aber sollte ich mich denn nicht an Navasana versuchen? Das sieht ja mal nicht so schwer aus. Oder Baddha Konasana – easy peasy … und so einige Haltungen aus der 2. Serie sehen auch so aus, als wären sie kein Problem für mich. Ja, stimmt! Vielleicht hast du sie ja sogar zu Hause schon mal versucht!? Und natürlich ist es dir in vielen Fällen auch möglich einige dieser Asanas auszuführen…

Doch wenn wir Yoga in dieser Form betreiben, dann bleibt es eine rein körperorientierte Praxis, dann sollten wir es eher „Gymnastik“ nennen. Denn genau da beginnt sich die Spiritualität und die tiefenpsychologische Wirkung von Ashtanga Yoga so richtig zu entfalten. Wenn mein Lehrer mich nach einigen misslungenen Versuchen das Asana zu meistern, einfach in der Serie weiterüben lässt, suggeriert er mir doch, dass es ok ist, wenn ich das nicht kann. Er unterstützt somit meine innere Haltung von „das kann ich eh nicht“.

Ich werde das dann so hinnehmen und bei diesem Asana jedes Mal bis an den Punkt hin üben, wo ich wieder beginne zu denken „ach, das ist ja die Haltung die ich nicht ganz kann“, dies akzeptieren und einfach „drüber hinweg“ üben. Ich gebe mich mit einer Modifikation zufrieden und versuche gar nicht mehr, das Asana zu meistern. Zu laut sind die „Das kann ich sowieso nicht“-Stimmen in meinem Kopf.

Abhyasa und Vairagya

Wenn hingegen dieses Asana mein „letztes“ ist, habe ich einen viel größeren Ansporn, daran zu arbeiten. Ich werde mir bedeutend mehr Mühe geben, es irgendwann zu erreichend und diszipliniert daran arbeiten. Nur dadurch kann und wird es sich irgendwann entwickeln.

Im Gegenzug lehrt es mich aber auch Geduld und Gleichmut: denn gebe ich mir zuviel Mühe, also möchte ich es meinem Körper abzwingen, nur damit ich möglichst bald das nächste Asana bekomme, werde ich sehr wahrscheinlich keinen Erfolg haben. Im schlimmsten Fall könnte ich sogar eine Verletzung davontragen. Mein Körper sagt mir dann ganz deutlich: Hey, bis hierher und nicht weiter! Quäl mich nicht!!

Es gilt also, die richtige Balance zwischen Disziplin und Gleichmut – also Abhyasa und Vairagya zu finden. (Wer sich näher dafür interessiert kann dazu im Yoga Sutra stöbern: Buch I, Vers 12-16)

Dieser immer wiederkehrenden Konflikt in uns selbst, wenn Disziplin umschlägt in ein „Aufgeben-wollen“ und die Gleichmut der Ungeduld weicht, spiegelt so viel von unserem Leben jenseits der Matte wieder. Bist du dort auch eher ungeduldig? Oder vielleicht zu gleichmütig? Na, erkennst du dich wieder??

Ja, Ashtanga Yoga konfrontiert uns immer wieder mit uns selbst. Mit Seiten an uns, die wir oftmals gar nicht so gerne sehen wollen, im Alltag vielleicht sogar verdrängen. Auf der Matte begegnen uns diese Seiten dann unweigerlich – das schockiert uns manchmal. Oder lässt uns mit Widerstand und Abwehr reagieren.

Sthira sukham asanam

„Sthira sukham asanam“ (Yogasutra 2.46-48) bedeutet: Die Körperhaltung sollte stabil und leicht zugleich sein. Manchmal gelingt es mir zwar eine Haltung auszuführen, jedoch erfordert sie meine allerhöchste Anstrengung. Der Kopf wird feuerrot und mein Atem gerät völlig außer Kontrolle. Oft habe ich meinen Lehrer Sharath beobachtet wie er in solchen Fällen neben einem Schüler steht und dieser erwartet, nun endlich das nächste Asana zu bekommen. Doch nichts, Sharath läuft weiter, wendet sich einem anderen Schüler zu. Am nächsten Tag dasselbe Spiel – „aber heute muss ich es doch kriegen“ denkt man sich dann, schließlich kann man die Haltung doch nun endlich ausführen! Wieder nichts …

Und so geht das dann für einige Zeit. Plötzlich – meistens wenn man es schon gar nicht mehr erwartet – kommt dann die Ansage: „Do next asana“.

Warum? Warum gerade jetzt? Wovon hängt es ab? Nun, dafür gibt es nicht DIE einzige richtige Antwort. Viele Faktoren hängen zusammen ob und wann der Lehrer entscheidet, dass ein Schüler weiterüben sollte. Im Wesentlichen kann man sich aber die Grundregel merken, dass man ein Asana erst wirklich beherrscht, wenn es sich stabil und leicht zugleich anfühlt. Wenn der Atem ruhig weiterfließen kann, der Kopf nicht mehr feuerrot anläuft und unsere Gesichtszüge entspannt bleiben können. Beobachte dich doch bei deiner nächsten Praxis mal selbst, in welchen Asanas dir das bereits gelingt!?

Anatomische Balance

Rein körperlich betrachtet erfordert die Ashtanga-Praxis ebenfalls zwei gegensätzliche Komponenten. Viele Menschen denken Yoga sei eine Praxis um den Körper zu dehnen und ihn flexibler zu machen. Ja, das stimmt, aber es ist nur eine Seite der Medaille. Die zweite wird oft vernächlässigt: die Kräftigung! Yoga möchte ein Gleichgewicht aus Flexibilität und Kräftigung herstellen. Nur dann ist unsere anatomische Struktur ausgeglichen und wir können eine gesunde Körperhaltung und Körperspannung entwickeln.

Die meisten Schüler bringen schwerpunktmäßig eine dieser beiden Eigenschaften mit und haben ein starkes Defizit bei der anderen Komponente. Diese gilt es dann besonders zu fördern, um ins Gleichgewicht zu kommen.

Ich war von Kind an sehr flexibel und so fielen mir viele Haltungen, die große Beweglichkeit erfordern, von der ersten Yogastunde an sehr leicht. Doch ich hatte ein massives Kraft-Defizit!! Viele Monate litt ich an tagelangem Muskelkater nach jeder Yoga-Stunde und fühlte mich als hätte ich Waldarbeit geleistet oder im Bergwerk gearbeitet 😅. Ich war wie ein schlappes Gummiseil, das man zwar gut verknoten konnte, aber keinerlei Körperspannung und Kraft hatte. Die galt und gilt es bis heute noch (!) aufzubauen. Dass dadurch meine Flexibilität etwas einbüßen musste ist klar, denn die gekräftigten Muskeln lassen sich nicht mehr so leicht verbiegen 😉. Dies ist ein niemals endendes Spiel zwischen Aufbau von Flexibilität und Kraft, doch nur so bringen wir unseren Körper in eine gesunde Balance.

Achja und wie wir bereits wissen, ist Yoga ja eh nicht yummy 😂. Du weißt noch nix davon? Dann lies mal meinen Blogbeitrag hier

Suche dir einen guten Lehrer

Dieser ganze Prozess sollte unbedingt von einem erfahrenen Ashtanga-Yoga-Lehrer begleitet werden. Es ist wichtig, einen Lehrer zu haben, dem wir vertrauen können und der diesen Prozess schon ein gutes Stück länger geht als wir. Wenn wir solch einen Lehrer gefunden haben und darauf vertrauen, dass er weiß, wann wir bereit sind das nächste Asana zu beginnen, fällt doch eigentlich unglaublich viel Last von uns ab. Wir können uns voll auf unser tägliches Üben konzentrieren und müssen uns über den Lernfortschritt keine großen Gedanken machen. Einfach nur täglich auf die Matte steigen und versuchen das Beste was uns an diesem Tag möglich ist zu geben. Nicht mehr und nicht weniger.

Was soll ich tun wenn keine Shala in meiner Nähe ist?

Wenn Du nicht das Glück hast eine Shala in deiner Nähe zu haben wo du täglich üben kannst, suche dir trotzdem einen Ashtanga-Yoga-Lehrer und versuche ihn so oft es dir möglich ist aufzusuchen. Vielleicht gibt es einen 50 km von deinem Wohnort entfernt und du kannst es dir einrichten 1x pro Woche dort zu üben. Vielleicht ist er weiter entfernt und du schaffst es immerhin 1x pro Monat. Oder wenn er noch weiter entfernt ist und du ihn also noch seltener sehen kannst, kannst du dort dann eventuell für einen etwas längeren Zeitraum praktizieren. Mein Lehrer, Sharath Jois, lebt und unterrichtet in Indien. Ich versuche dort einmal im Jahr für 1-2 Monate sein zu können, um bei ihm zu praktizieren.

Du bist auf der Suche nach einem Ashtanga-Yoga-Lehrer? Auf der KPJAYI-Webseite gibt es eine Liste mit allen derzeit von Sharath autorisierten und zertifizierten Lehrern auf der Welt. Vielleicht ist ja einer für dich erreichbar? Klick hier

Warum brauche ich einen Lehrer?

Diese Führung ist sehr wichtig, damit wir nicht anfangen unser eigenes Süppchen zu kochen und nur noch nach unserem Belieben zu praktizieren. Viel zu schnell möchte doch unser Ego mit uns durchgehen und sich austoben wie es ihm gerade beliebt. Doch Yoga ist dazu da dieses zu zügeln, uns zu lehren, dass wir unser Ego nicht außer Kontrolle geraten lassen.

Verstehe es also nicht als Strafe oder Missachtung wenn dein Lehrer dich an einem bestimmten Punkt nicht weiterüben lässt. Er denkt sich sicherlich sehr viel dabei. Freue dich, dass er daran interessiert ist, dass sich bestimmte Dinge bei dir erst noch entwickeln werden und dass er dich individuell, behutsam und mit Bedacht unterrichtet. Kein Mensch ist wie der andere, deswegen bringt es nichts, dich mit dem Schüler neben dir zu vergleichen. Wir alle arbeiten hart auf der Matte – nur an unterschiedlichen Punkten. Das Ziel ist aber immer dasselbe!

Enjoy your practice!

Interessierst du dich für das Yoga-Sutra von Patanjali? Hier findest du zwei Empfehlungen zu deutschsprachigen Ausgaben (mit Übersetzung und Deutung):

Das Yogasutra: Von der Erkenntnis zur Befreiung (R. Sriram):

„Über Freiheit und Meditation“ – Das Yogasutra des Patanjali (T.K.V. Desikachar):

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Photocredit für das Beitragsbild: @mysorehousemadrid

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