„Practice on tour“ – Yoga auf Reisen

„Practice on tour“ – Yoga auf Reisen

Seit langer Zeit war ich endlich wieder mal auf Reisen. Ich meine, so richtig auf Reisen! Denn die letzten Jahre verbrachte ich zwar viel Zeit in Indien und an unterschiedlichen Orten in Europa, doch diese Zeiten waren immer geprägt von der Praxis – d. h. die Reisen hatten die Yogapraxis zum Zweck. Ob in Mysore am KPJAYI oder in Goa bei Rolf, bei diversen Workshops oder Intensives in Amsterdam, Kopenhagen, Berlin … immer stand meine Ashtangapraxis im Vordergrund.

Es gab also immer einen sehr schönen Ort um die Matte auszurollen, einen Lehrer, der ungemein dazu motivierte und einen „Schedule“, also ein festes Date für die Practice jeden Tag. Alles Grundvoraussetzungen, die es mir sehr erleichtern auf die Matte zu steigen und mich dort so gut wie möglich auf die Praxis zu konzentrieren. Wenn ich zu Hause praktiziere, fehlt mir zwar der Lehrer und oft auch der feste Rhythmus, aber ich habe dort unsere kleine Shala im Haus, einen schönen Ort um zu praktizieren. Auch versuche ich zu Hause trotz meines unregelmäßigen Arbeitsalltags eine gewisse Routine zu leben.

SRI LANKA

Jetzt bin ich jedoch seit vielen Jahren mal wieder auf eine richtige Reise gegangen. Sri Lanka für einen Monat! Das bedeutet alle paar Tage einen Ortswechsel, meist kleine Guesthouse-Zimmer, wo die Matte nur wenig Platz findet, sehr viel Ablenkung – schließlich gibt es hier ja soooo viel zu sehen und zu erleben! Und deswegen bin ich in erster Linie ja auch hier!

Doch die Matte war natürlich dabei!! Wenngleich es auch nicht meine luxuriöse 6,5 mm dicke „Black Mat“ war, auf der ich zu Hause am liebsten übe. Nein, ich hatte natürlich eine Reisematte dabei, schließlich muss sie ja im Rucksack ständig durch die Gegend getragen werden. Ich habe mich für die Travelmat von Yogistar entschieden. Was ich mit ihr für Erfahrungen gemacht habe und ob ich sie nächstes Mal wieder einpacken würde, kannst Du in meinem Blogpost „Experiment Travelmat“ nachlesen.

Hier will ich Euch nun von meinen Erfahrungen mit der Ashtangaparaxis unterwegs erzählen. Wie es sich anfühlte in in unterschiedlichen Zimmern zu praktizieren, ganz ohne den Komfort den wir von zu Hause so gewöhnt sind, ob ich eine tägliche Praxis trotz all der Ablenkungen um mich herum halten konnte und wie sich die Praxis während dieser Zeit entwickelte …

Da wir mitten in der Nacht in Colombo gelandet sind, haben wir uns an unserem Ankunftstag noch einen „day-off“ gegönnt. Der darauffolgende Tag war dann ein Moonday, doch dann gab es keine Ausreden mehr und es ging los mit dem Mattenausrollen!

DIE PRAXIS ALS HOTELCHECK

Die ersten Zimmer die wir hatten, boten jeweils genügend Platz ums Bett für zwei Yogamatten, so dass wir beide im Zimmer üben konnten. Zwar nicht mit dem gewohnten Raum um uns herum, so dass bei der ein oder anderen Bewegung dann doch mal Wand, Schrank oder Bett etwas im Weg waren, doch ließ es sich meist gut arrangieren.

Schnell waren wir froh, dass wir sehr saubere Zimmer erwischt hatten. Die Yogapraxis im Guesthousezimmer ist wohl der schnellste Weg die Sauberkeit zu checken! Das sollte man den Hoteltestern vielleicht mal verraten 😉 Sollte unter dem Bett nicht gewischt sein, dem Ashtangi fällt es sofort auf!   Denn sein Blick gerät schon nach den ersten Sekunden unters Bett, unter den Schrank und in all die anderen Ecken, die ein herkömmlicher Gast vielleicht nicht gleich entdeckt. Und nicht nur der Blick ist entscheidend dafür, auch die Nase kommt so manchen Ecken entscheidend nah. Nach wenigen Minuten auf der Matte wird sofort klar wie wohl und sauber man sich in dem jeweiligen Raum fühlt. Es braucht schon ein sehr gutes Gefühl, um dem Boden und dem Bereich unter den Möbeln so nahe kommen zu wollen. Ist das Zimmer muffig, sitzt da vielleicht irgendwo ne Kakerlake … alles Bedingungen, die die Konzentration und das gute Gefühl während der morgendlichen Praxis sehr schnell zerstören können.

Doch Sri Lanka machte es uns diesbezüglich sehr einfach, wir fühlten uns überall sehr wohl und die Zimmer waren durchweg sehr sauber. Auch als wir in Polonnaruwa dann ausnahmsweise doch ein extrem kleines Zimmerchen hatten, hielt uns das nicht auf die Matten auszurollen. Es benötigte ein bisschen Kreativität Platz zu schaffen, doch als die Nachtkästchen dann auf dem Bett standen, war’s möglich… Ab da wurde allerdings die Raumgröße bei unserer Zimmerbuchung dann doch zu einem etwas wichtigeren Kriterium 😉

OUTDOORPRACTICE

Als wir dann der Küste unterwegs waren, hatten wir auch immer mal wieder Unterkünfte mit einer kleinen Terrasse. Da zog ich es natürlich vor draußen zu üben anstatt im Zimmer. Zwar muss man sich erstmal daran gewöhnen, dass es immer mal wieder Zuschauer anlockt, wenn sich da jemand auf einer Yogamatte ungewohnt verbiegt (jedoch ist Sri Lanka diesbezüglich überhaupt kein Vergleich zu Indien!), ich habe jedoch recht schnell meinen Frieden damit gefunden und mich kaum noch ablenken lassen. Weder von Menschen, die auf ihrem Weg an mir vorbei mal stehenblieben und zuguckten, noch von den Affen, die immer wieder in den Bäumen neben mir umherturnten und mir deutliche Konkurrenz machten ;-).

Es ist einfach SO schön inmitten der herrlichen Natur. Das laue Lüftchen, das einen immer mal wieder umweht, ist sehr wohltuend bei den recht hohen Temperaturen. Und doch bekommt man nie einen „Zug“, da die Luft hier einfach überall durch und durch warm ist. Die Krabbeltierchen, die sich ab und zu auf die Matte verirren, gibt es immer Zimmer meist auch und die Moskitos hielten sich zum Glück sehr in Grenzen. Alles in allem stellte ich fest, dass mir die Praxis außerhalb des Zimmers wesentlich leichter fiel. Vielleicht lag es daran, dass das Gefühl „etwas zu verpassen“ dort nicht so aufkam. Immerhin liegt Sri Lanka ja nicht gleich bei uns ums Eck und es ist großer Luxus für mich dort einen Monat verbringen zu dürfen – da will ich natürlich möglichst jede Minute auskosten und möglichst viel von Land, Leuten und Lebensgefühl aufsaugen. In einem dunklen Zimmer auf der Matte zu „turnen“ ist da manchmal nicht gerade die leichteste Übung.

URLAUB, DIE MATTE UND ICH

Trotzdem viel es mir viel leichter als gedacht! Fernab vom Alltagsstress endlich mal uneingeschränkt Zeit zu haben für die Praxis! Da ich zu Hause ja leider aufgrund meines unregelmäßigen Jobs keinen geregelten Tagesrhythmus habe, konnte ich in den 4 Wochen feststellen wie gut mir dieser normale Rhythmus tut.

Als ich in Sri Lanka gelandet bin, war ich mehr als urlaubsreif!! Meine Praxis hat in den Wochen zuvor durch all den Stress doch sehr gelitten und ich beschloss, es nun ganz langsam angehen zu lassen. Schließlich sollte der Urlaub meine Batterien wieder aufladen! So passte ich das „Asana-Pensum“ ganz an meine Tagesform an ohne mich zu beurteilen und ohne mich selbst unter Druck zu setzen. Während der „Ankommphase“ in den ersten Tagen stand ich nur ca. 45 Minuten auf der Matte, später dann eine Stunde … und so baute ich Schritt für Schritt auf, bis ich wieder zu meiner ganzen Praxis gefunden hatte. Uns Ashtangis passiert es doch leider allzu oft, dass wir uns selbst viel zu stark pushen. Oder dass wir uns schlecht fühlen, wenn wir nicht unsere ganze Praxis schaffen. Genau das wollte ich vermeiden.

Es fühlte sich sehr gut an auf den Körper zu hören und die Praxis langsam Schritt für Schritt in aller Ruhe wieder aufzubauen. Die Wärme, die Ruhe, die Zeit … all das war extrem hilfreich dafür.

MADAME, CAN YOU SHOW ME?

Eigentlich waren wir ja im Urlaub, was ja bedeutet, man macht eine Pause von der Arbeit. Ja, das war auch unser Plan … also eben EIGENTLICH …

Schon im allerersten Guesthouse wurden wir natürlich mit den Standardfragen abgeklopft: „Where do you come from, what’s your profession … “ STOP! „Yogateacher???“ Und schon waren wir beim Thema. Die Dame des Hauses erklärte uns, dass sie schon seit einiger Zeit versucht bei einer Tele-Yogastunde mitzumachen. Doch leider klappt das natürlich vor dem Fernseher nicht so wirklich gut. Sie wollte unbedingt von einem Lehrer lernen. Tja, das war natürlich unser Stichwort und Christoph zeigte ihr sofort die ersten Sonnengrüße direkt auf der Terrasse. Sie erklärte uns sie wolle das nun regelmäßig üben – wir waren erstmal noch skeptisch, denn das hören wir ja nur zu oft. Und ob sie das nach nur 10 Minuten Instruktionen tatsächlich selbständig machen wird??

Am nächsten Morgen stand unsere Abreise zu unserem nächsten Ziel bevor. Als wir bereits mit gepackten Rucksäcken auf der Terrasse saßen, kam Lakshmi an und fragte ob sie uns nochmal zeigen dürfe was sie gestern Abend noch geübt hat. Außerdem hätte sie es ihrer Putzfrau gleich auch noch gezeigt …  Schon standen die beiden Frauen sich gegenüber, atmeten ein, hoben die Arme, atmeten aus, beugten sich vor … Sie vollendeten den kompletten Surya Namaskara. Wow! Wir guckten uns an und waren sprachlos!! Währenddessen checkte Lakshmi auch noch die Bewegungen ihrer Putzfrau und griff wenn nötig direkt ein. Sie übersetzte unsere englischen Instruktionen in Singhala und begann sogar zu adjusten. Wir hätten sie am Liebesten eingepackt und als unsere neue Yogalehrerin für zuhause mitgenommen 😉

Tja und so ging es dann doch tatsächlich weiter, Guesthouse für Guesthouse. Ob alt ob jung, ob männlich oder weiblich, alle wollten praktizieren. Wir waren wirklich sehr berührt vom großen Interesse der Einheimischen für die Praxis. In Mirissa wichen wir ein wenig vom Muster ab und es war eine junge Travellerin aus London, die morgens im Frühstückraum unter unserer Anleitung die Sonnengrüße erlernte. Mit ihr sind wir noch immer im Mailkontakt – sie ist mittlerweile zurück in London und übt 3 x pro Woche!! Wir sind sprachlos …

                                                                            

 

 

 

 

MACHEN WIR ES WIEDER?

Ja aber klar doch!!! Auch wenn es Schwierigkeiten mit sich bringt, auf einer Rucksackreise täglich seine Matte an einem anderen ungewissen Platz auszurollen, so hat es uns doch unheimlich bereichert. Dass wir auf unsere Praxis nicht verzichten werden, das war klar. Doch ob es uns gut gelingen wird sie zu halten, ob es uns Freude machen wird, in engen Hotelzimmern, auf einsichtigen Terrassen und zwischen Strand und Nationalpark unserer täglichen Routine nachzugehen, das war ein großes Fragezeichen. Jetzt können wir dieses Fragezeichen eindeutig mit JA beantworten!

Mit ein wenig Kreativität lässt sich auch in der kleinsten Bude ein Plätzchen für die Matte finden, mit ein wenig Toleranz sich selbst gegenüber kann man problemlos aktzeptieren, dass sich vielleicht nicht jedes Asana so komfortabel anfühlt wie im heimischen schönen Yogaraum und mit ein wenig Disziplin verschiebt man den faulen Strandtag einfach noch für zwei Stunden nach hinten. Wir haben unsere tägliche Ashtangapraxis mit auf Reisen genommen, so ist auch sie ein klein wenig auf eine Reise gegangen und wir konnten sie ein Stückchen mehr in die große weite Welt hinaustragen.

2 Gedanken zu „„Practice on tour“ – Yoga auf Reisen

  1. Liebe Sabine,
    Deine lebendige Art zu schreiben gefällt mir sehr gut.Joga Praxis auf kleinstem Raum,da bewahrheitet sich mal wieder ,WO EIN WILLE DA EIN WEG. Ich wünsche Dir jede Menge guter Inspirationen zum weiterschreiben
    Ganz liebe Grüße,
    Ulrike

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